Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
1.12 Hans-Jürgen Wirth
Die traumatisierte Psychoanalyse
Seite 142
Wie Rolf Vogt (1986) schreibt, hat die Sphinx die »Bedeutung als böse prägenitale
Mutter, die das Kind mit dem Tode bedroht, indem sie es entweder in einer
›parasitären Symbiose‹ (M. Mahler 1968) festhält und ›verschlingt‹ oder zu
früh von sich stößt, und ihm dadurch auch keine adäquate Ablösung von sich
erlaubt. Der Name der Sphinx als ›Würgerin‹ (von sphingerin = würgen) verweist
neben genitalen Bedeutungsmöglichkeiten auch auf die würgende Enge der Geburt
und spielt damit auf die durch die misslingende Trennung von der Mutter drohende
Gefahr an. »Der Tod Jokastes und ihrer Tochter Antigone durch Erhängen (=
sich erwürgen) gehört in diesen Kontext« (Vogt 1986, S. 78 f.).
Im »Trauma der Geburt«, aber auch im »Inzest-Motiv« hat Rank die Notwendigkeit
der Separation des Kindes von der Mutter betont. Das Kind durchläuft verschiedene
»Lösungsstufen von der Mutter« (Rank 1912/1926, S. 265), die mit der Geburt
beginnen, worauf die Entwöhnung von der Brust folgt, um schließlich mit dem
Gehen ihren Höhepunkt zu erreichen. Im »Fußsymptom des Ödipus« (ebd.) drückt
sich, nach Rank, der misslungene Lösungsversuch von den Eltern aus. »Die
durchbohrten Füße« – so schreibt Vogt – sollen die Unfähigkeit, sich fortzubewegen,
d. h. sich zu trennen, ausdrücken. Das Ausgestoßensein in der frühen Kindheit,
das Weglaufen als Adoleszent (von Korinth) und das Wiederausgestoßensein
im reifen Mannesalter (aus Theben) bei gleichzeitiger lebenslänglich ungelöster
Bindung an beide Eltern ist das charakteristische Schicksal von Ödipus. Die
Sphinx ist demnach die verfolgende destruktive Mutter, die ihn durch die
frühe Ausstoßung für immer an sich bindet und die er ständig in sich abwehren
muß, um nicht in Depression und Selbstzerstörung zu verfallen (Vogt 1986,
S. 79).
Ich habe den Ödipus-Mythos so ausführlich rekapituliert, weil es schon ein
erstaunliches Phänomen ist, dass dieser für die Freudsche Psychoanalyse so
zentrale Mythos von Freud selbst, aber auch von einem Großteil seiner damaligen
Mitarbeiter so unvollständig verstanden und gedeutet wurde und insbesondere
die frühe Traumatisierung des Ödipus völlig übersehen wurde.
Im engsten Kreis um Freud haben nur Rank, Ferenczi, Adler, Jung (und in sehr
eingeschränkter Form auch Abraham) die große Bedeutung der präödipalen Mutter-Kind-Beziehung
sowohl in theoretischer als auch in therapeutischer Hinsicht erkannt. Mit
allen (außer mit Abraham) kam es zum Zerwürfnis. Warum konnte Freud diese
tiefgreifenden Ideen nicht aufnehmen? Das hat u.a. biographische und gruppen-
bzw. organisationsdynamische Gründe.



