Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
1.6 Alfred Köth
Diagnose und Veränderung von »Gefühlsverwirrungen« durch Standort-Aufstellungen
Seite 90
Technische Überlegungen
Bei der Aufstellungstechnik gehe ich erstens von der Hypothese aus, dass
bestimmte innerpsychische Entitäten mit Hilfe von Repräsentanten ins räumliche
Außen verlagert werden und dass die räumliche Beziehung im Außen mit der
innerpsychischen Struktur korrespondiert. Die zweite Hypothese besteht darin,
dass eine therapeutische Veränderung im Außen Rückwirkungen auf die innerpsychische
Struktur des Klienten hat. Dies allerdings nur unter der Bedingung, dass
der Klient diese äußeren Veränderungen innerlich nachvollzieht und mit Bedeutung
belegt. Diese Bedingung folgt aus dem Grundgedanken des systemisch-konstruktivistischen
Ansatzes, der von der prinzipiellen Unmöglichkeit instruktiver Interaktion
ausgeht (vgl. Willke 1996, von Ameln 2004). Um dieses Nachvollziehen durch
den Klienten abzuschätzen, ist eine ständige verbale und nonverbale Rückversicherung
beim Klienten nötig.
Die Stellungsarbeit hat in diesem Kontext die Aufgabe, von den »falschen«
oder »problematischen« Ordnungen der Ausgangsbilder (im Sprachgebrauch Schelers:
den »Verwirrungen« des »faktischen« ordo amoris) zu den »idealen«
oder »befriedigenderen« Ordnungen zu kommen, d.h. zu den Endbildern. Da diese
Veränderungen vom Klienten innerseelisch nachvollzogen werden sollen, ist
es m. E. wichtig, den Prozess schrittweise mit Hilfe von Erläuterungen zu
gestalten. Dies bedeutet, dass, nachdem das Ausgangsbild »diagnostisch« genutzt
worden ist, eine unvermittelte Umstellung des Ausgangsbildes zu einem Endbild
oft nicht direkt möglich ist, sondern zunächst Zwischenbilder gestellt werden
müssen, wobei diese entweder als Test verstanden werden können, ob ein hypothetisches
Endbild von den Repräsentanten akzeptiert wird oder als Zuspitzung einer
Tendenz, die eine Prozessarbeit für den Klienten erst möglich macht.
Die Prozessarbeit besteht zum einen aus »Konfrontationen«, d.h. emotionalem
Erleben von Prozessen im Kontakt zwischen dem aufstellenden Klienten und
den Repräsentanten für seine internen und externen Bereiche, zum anderen
findet sie Ausdruck in ritualisierten Gesten oder Sätzen, die entweder die
im Ausgangs- oder Zwischenbild sichtbaren Tendenzen »anerkennen« (Hellinger/ten
Hövel 1996) und damit aus der rein körperlichen räumlichen Ebene in die sprachliche
Bewusstheit heben, oder aber die in der Stellungsarbeit gefundene »ideale«
Ordnung sprachlich oder gestisch bestätigen oder festigen. (vgl. Glöckner
1999, S. 15)
In der Stellungs- und Prozessarbeit unterscheide ich folgende Möglichkeiten:
- Integration von ausgeschlossenen Elementen
- Aufstellen einer Alternative
- Klärung von Überlagerungen
- Klären von Verstrickungen
- Vollenden unterbrochener Hinbewegungen
- Emotional korrigierende Erfahrungen
Diese Interventionen versuchen, eine Veränderung anzubahnen, indem eine
neue Möglichkeit symbolisch in den Raum gestellt wird. Die Annahme ist, dass
dieses neue Bild, wenn es integriert wird, innere Suchprozesse in Gang setzt
(Köth 2007b). Hirnphysiologisch gedacht, entsteht eine neue Verschaltung,
ein neues inneres Muster (vgl. Hüther 2004). Wenn man im konstruktivistischen
Sinne davon ausgeht, dass unsere inneren Strukturen unsere Wahrnehmung und
unsere Handlungen prägen, ergibt sich daraus die Hoffnung auf Veränderungen
auch im Erleben und Leben.
Im Beispiel von Moritz war in der Stellungsarbeit nur eine Drehung nötig,
um eine Flankierung des Protagonisten durch Stärken und Schwächen herzustellen.
In der Prozessarbeit waren emotional korrigierende Erfahrungen mit Stärken
und Schwächen nötig, bei denen sich herausstellte, dass diese von Vater und
Muttergefühlen überlagert waren. In seinem ritualisierten Satz zur Beziehung
erkannte Moritz: »Ich habe mich nicht richtig eingelassen. Wenn ich meine
Schwächen und Stärken im Rücken habe, kann ich mich auf dich einlassen.«



