Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
2.11 Irina Vogt
Dissoziation und Hochleistungssport
Seite 270
Viele Traumatisierungen geschahen im Schwimmunterricht oder anderswo beim
Schwimmenlernen. Ein hoher Prozentsatz meiner Patientinnen berichtet von
traumatischen Erlebnissen während des Schwimmunterrichts. Sei es, dass man
selbst mit Gewalt in das Wasser gestoßen wurde, oder dass man zuschauen musste,
wie andere Kinder existenziell bedrohliche Erfahrungen machen mussten. Daraus
entwickelten sich Traumafolgestörungen, die natürlich nicht gesehen, bagatellisiert
wurden. Die Kinder wurden mit ihren Ängsten, Versagens- und Schuldgefühlen
allein gelassen und mussten mit den Demütigungen irgendwie fertig werden.
Das Thema stand aufgrund der Sportnoten jedes Jahr erneut zur Debatte.
Die Folgen dieses Umganges mit Sport und unseren Körpern sind allgegenwärtig
und mit Sicherheit in jeder Arztpraxis und jeder Psychotherapeutenpraxis
und natürlich in jeder Physiotherapiepraxis eindrucksvoll zu sehen.
Allein in unserer zurzeit laufenden Gruppe sind es fünf Patienten von 12,
die starke Gewalterfahrungen im Rahmen ihrer Leistungssportzeit machen mussten.
Alle leiden unter psychosomatischen und vielfältigen Traumafolgestörungen
aus diesem Zusammenhang. Die Patienten sind nicht primär deshalb in der Psychotherapie
aber wir wissen als Therapeuten, auch diese Traumata sind in das Erleben
zu integrieren und das braucht Zeit, Geduld, Energie und es kostet viel Geld.
Eine Patientin tanzte während ihrer Kindheit und Jugend in einer Betriebstanzgruppe
leistungssportmäßig. Sie litt eigentlich immer unter Hüftproblemen, doch
keiner schickte sie zum Arzt zur Untersuchung. Heute hat sie eine schwere
Abnutzung des Hüftgelenks und sie ist sehr jung und möchte noch Kinder bekommen!
Ein junger Mann realisierte zunächst noch eher kognitiv, »wie viel Schmerz
habe ich während meiner Zeit auf der KJS (Kinder- und Jugendsportschulen
der DDR) dissoziiert, wie viel an psychischer Demütigung habe ich erlebt
und immer dachte ich, ich bin falsch, Schuld und dumm!« Ein Dritter berichtete
über die Züchtungsmethoden im Judotraining an der DHFK (Deutsche Hochschule
für Körperkultur). Noch erscheint ihm dennoch die damalige Zugehörigkeit
zu dieser Judosportgruppe als wichtige Ressource, um den äußerst schwierigen
Familienverhältnissen und den daraus erwachsenen Symptomen etwas entgegenzusetzen.
Zunehmend entdeckt er seine täteridentifizierten, selbstzerstörerischen Seiten
aus diesem Prozess. All dies kann ich in diesem Beitrag nur kurz anreißen.



