Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
2.5 Michaela Huber
Auch der Körper dissoziiert. Psychotherapeutische Arbeit mit der Affekt-Kette
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Denn eine Psychotherapie ist ja eine Arbeit an der eigenen Veränderung
der KlientInnen; TherapeutInnen sind nur dazu da, ein sicheres Bindungsangebot
zu machen und mit ihren therapeutischen Vorschlägen – den »Werkzeugen in
ihrem Werkzeugkasten« – Angebote zu machen; die Veränderungsarbeit selbst
muss jedoch von den Betroffenen selbst geleistet werden. Die durch diese
Dynamik entstehenden Übertragungs- und Gegenübertragungsprobleme kann ich
hier nur andeuten: Häufig reagieren TherapeutInnen auf diese Situation entweder
damit, dass sie zu viele Angebote machen oder gar »overprotective« und »overinvolved«
quasi »die Arbeit für die KlientIn leisten wollen, was die Gefahr
stellvertretender bzw. sekundärer Traumatisierung ebenso wie die Burnout-Gefahr
erhöht; und/oder sie entwickeln vielleicht selbst eine Erlernte Hilflosigkeit
(»alles nützt nichts, die (Kl.) will ja nichts tun, die nutzt mich nur aus«
etc.) die in Zynismus und »Blame the victim« münden kann. (S. auch Huber,
2003b).
In diesem Beitrag möchte ich stattdessen vorschlagen, mit der körperlich-gefühlshaften
Komponente, also dem Affekt (oder dem jeweiligen EP, wie ich weiter unten
ausführen werde), des gegenwärtigen Hauptsymptoms der KlientIn so schnell
wie in der Therapie möglich konkret zu arbeiten, mit dem Ziel, das Leid um
eine »Portion« zu lindern, die traumabedingte Dissoziation und den Kontrollverlust
zu vermindern, und einen Fokus auf positive Veränderungsziele zu ermöglichen.
Ein Affekt ist ja mehr als ein »Gefühl«, auch wenn Emotion und Affekt im
Deutschen oft unter »Gefühl« zusammengefasst werden. Ein Affekt ist ein psychophysiologisches
Geschehen, enthält also eine erhebliche körperliche Komponente. Beispiel:
Rotwerden ist die körperliche Seite des Affekts, als Begleitemotion dazu
könnte gefühlt werden: Verliebtsein, Scham, wütende oder sexuelle Erregung
zum Beispiel. Hier soll unter Affekt verstanden werden: eine Kombination
aus einem abgrenzbaren Körper(miss-)empfinden und dem, was der Mensch als
Gefühl diesem Körperempfinden zuordnet. Beispiel: Der »Klumpen im Bauch«
verbunden mit dem Gefühl von Beklommenheit und Angst.
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(Das entsprechende diagnostische Mittel, das IK-PTBS, also das Interview zur komplexen PTBS, findet sich in Huber, 2003a im Anhang)
Das gegenwärtige Hauptsymptom (GHS) spiegelt bzw. bündelt bei Komplextrauma
diese Probleme. Es besteht meist aus einem Affekt, enthält einen oder ist
mit einem bestimmten Affekt verbunden – und Erlernter Hilflosigkeit. Beispiele
für häufige GHS bei komplextraumatisierten KlientInnen: Flashbacks, Depressive
Störungen, Angstzustände, sozialer Rückzug und Isolation, Selbstverletzung,
Suizidalität, Bindungsstörung, existenzielle Not (z.B. Geldsorgen). Es lässt
sich unschwer vorstellen, dass – wenn es in der oder durch die Therapie gelingt,
das GHS zu lindern, die KlientIn Selbstwirksamkeit entwickelt, das eigene
Leid verändern zu können. Außerdem kann durch eine Veränderung des GHS zusätzliche
Motivation für die Weiterarbeit gefunden und positive Ziele angestrebt werden.
Um so bald wie möglich am gegenwärtigen Hauptsymptom arbeiten zu können,
ist es zunächst unerlässlich, in der traumazentrierten Psychotherapie die
strukturelle Dissoziation in der Persönlichkeit zu verstehen und sowohl mit
der ANP wie mit den EPs eine möglichst vertrauensvolle Beziehung einzugehen.
Doch komplex Traumatisierte haben ein eingeschränktes Bewusstsein (ANP) sowie
eine Phobie vor dem »Innenleben, das so viel Stress macht« (oder hat) – und
sie haben eine Phobie vor Beziehung (v.d.Hart et al., 2006). Das »Unbewusste«
der KlientIn ist dann meist ein oder mehrere EPs, ist also »das manchmal
Bewusste, aber Abgespaltene«, das sich in unkon-trollierbaren Zuständen oder
Anteilen äußert, je nach Dissoziations-Niveau von einfacher bzw. komplexer
PTBS mit oder ohne dissoziativer Identitätsstörung. Häufig bei Erwachsenen
mit Komplextrauma sind EPs, also trauma-nahe Zustände, die entwicklungsmäßig
»kleiner« sind als die erwachsene ANP, etwa aus traumatisierten Kind-Anteilen
bzw. den Abspaltungen während kindlicher Traumatisierung entstanden sind;
sie wiederum haben auch eine Phobie vor der ANP und möchten gern von der
TherapeutIn verstanden und »gerettet« werden.
Um die therapeutische Beziehung so gestalten zu können, dass die KlientIn
in beiden Bereichen ihrer Persönlichkeit – ANP und EPs – Fortschritte machen
kann, ist ein sicheres Bindungsangebot wichtig; gleichzeitig macht die TherapeutIn
durch ihre Beziehungsarbeit deutlich, dass sie »mehr Coach als (bessere)
Mutter« ist. Häufig werden die Stadien der Traumaarbeit, was die therapeutische
Beziehungsgestaltung angeht, etwa wie folgt formulierbar sein, wenn die KlientIn
ihre entsprechenden Kognitionen äußern kann/könnte:
- Mach das (Hauptsymptome) weg! (Verzweiflung und EH)
- Wie, das kannst Du nicht. Du taugst nichts, bist auch so vernachlässigend, gleichgültig bis traumatisierend wie die Täter…; (Wut und Entwertung; negative Übertragung)
- Wenn ich mit Dir verhandle, Dich zu überzeugen versuche, Dir kleine Geschenke mache, mich Dir unterwerfe – erfüllst Du mir dann meine Bedürfnisse? (Verhandlung; Versuch, die TherapeutIn unter Kontrolle zu bekommen)
- Aber Du bist richtig für mich, wieso soll ich trotzdem selbst arbeiten? (erste Bindung und Befragung der eigenen chronifizierten Opferidentität)
- Dann lerne ich es eben selbst, ich brauche dich nicht! (Pseudo-Autonomie, Therapieabbruch oder –pause wird erwogen; falls KlientIn viel Krankheitsgewinn hat, wird auch eine andere TherapeutIn aufgesucht, die weniger »anstrengend und fordernd« ist und mehr »versorgt«
- Du bist manchmal »blöd«, aber oft ganz gut für mich; also lerne ich weiter, mit Deiner Hilfe (zunehmende Objektkonstanz; Differenzierung, erhöhte Frustrationstoleranz und Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit und Konflikthaftem wird aufgebaut).
Wenn die TherapeutIn warten würde, bis Stadium 6 eingetreten ist, könnte
sie viele Jahre nur »reden«; wichtig ist aber, bereits in Stadium 1 deutlich
zu machen, dass die TherapeutIn das Anliegen ernst nimmt und ihren Teil dazu
beitragen wird, konkrete Veränderungsschritte zu ermöglichen. Gleichzeitig
wird psychoedukativ vermittelt werden müssen, dass Psychotherapie bedeutet,
die KlientIn muss zunehmend lernen, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen und
nur das von der TherapeutIn zu nehmen, was sie brauchen kann. Psychoedukation
in der therapeutischen Beziehung beinhaltet auch eine Information durch die
TherapeutIn, dass die KlientIn vermutlich häufig experimentieren muss und
wahrscheinlich auch gelegentlich wütend sein wird, weil etwas misslingt;
dass das Wichtigste ist, dass sie nicht aufgibt, wieder kommt und weiter
arbeitet. Vor allem wird die TherapeutIn direkt oder indirekt vermitteln,
dass es sich um eine zwar asymmetrische Beziehung handelt – die KlientIn
ist diejenige, um deren Gesundung es geht, die TherapeutIn ist diejenige,
die Geld dafür erhält, sich ohne anderen Eigennutz ganz dem Wohl der KlientIn
zu verpflichten. Dass es aber dennoch ein gemeinsamer Lernprozess sein wird,
in dem sich beide adaptieren an die jeweiligen Möglichkeiten der KlientIn,
dass beide lernen und beide hart arbeiten müssen, um das gemeinsam definierte
Ziel – z.B. die gegenwärtigen Hauptsymptome verändern – erreichen zu können.



