Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
2.4 Renate Hochauf
Der Körper als »Leitsymptomträger«
Seite 196
5 Ausblick
Die Arbeit an der Über-Ich-Deformation ist Voraussetzung für die wirkliche
Integration der Traumata, was bedeutet auch der körperlichen Integrität.
Nur über die Distanzierung von den Introjekten wird die Verankerung eines
nicht dem Tätersystem verpflichteten Über-Ichs möglich. Darüber eröffnet
sich eine neue Positionierung zu den traumatischen Erfahrungen und die Erlaubnis
zur Heilung.
Es ist also notwendig, die aus den Täter-Introjekten entspringenden »Heilungsverbote«
in einer längeren Arbeit an verschiedenen Abschaltstellen hinreichend zu
entmachten. Letztlich geht es darum, die jeweils real erfolgreichen körperlichen
Notprogramme (deren sensomotorisches Schema und die dazu gehörigen Affektqualitäten)
imaginativ-körpertherapeutisch zu erarbeiten, denn: nur der Körper kennt
die jeweilige Überlebensrealität, auch wenn diese noch nicht erlebbar ist.
Dieses heimliche Überlebensprogramm aber darf immer erst zugänglich werden,
wenn für die Abschaltstellen die bilaterale Derealisation (Rechts-Links-Spaltung)
und nachfolgend die punktuelle subkortikale Depersonalisation (der innere
Abriss) aufgehoben werden kann.
Um eine endgültige Verknüpfung dieser beiden auf unterschiedlichen neurobiologischen
Ebenen gespeicherten Phasen der Traumaepisode zu erreichen, bedarf es der
Auflösung der Retter-Übertragungen. An deren Stelle muss eine erwachsene
Repräsentanz treten, die vor allem das Versagen der Retter und die Enttäuschung
der Rettungshoffnungen erkennen muss. Das bedeutet auch, die Wahrheit darüber
zu begreifen, dass es eine nachträgliche Wiedergutmachung auch über die Therapie
nicht geben kann. Nur die Erwachsene, nicht das hoffende Kind, kann die Traumata
letztlich integrieren.
Über diese Arbeit lassen sich oft Täter-Loyalitäten, Mehr-Generationen-Traumatisierungen
und deren Auswirkungen auf familiäre Normen, Geheimhaltungen und Traumawiederholungen
in der nächsten Generation erarbeiten.
Letztlich geht es darum, die Introjekte als Fremdbesetzung so zu distanzieren,
dass ein neues normatives Über-Ich auf das eigene Ich heilend und integrierend
wirken kann.
Gelingt dies, schließt sich der Abschaltpunkt der Episoden, und es ist möglich,
erwachsen über die kindliche Qual und Verletzung zu trauern, Beziehungen
mit Bezugspersonen neu zu bedenken – zwischen Vergebung und dauerhafter Distanzierung.



