Weblinks Kongreßbuch Körperpotenziale in der traumaorientierten Psychotherapie 2007
2.2 Peter Geißler
Psychoanalyse der Lebensbewegungen
Seite 156
Zum körperlichen Erscheinungsbild: Der Patient ist asthenisch, durchschnittlich
groß, seine Augen wirken klar, freundlich, zugewandt, der Körper insgesamt
in Spannung, keine Kollapszeichen. Es fällt mir seine Stimme auf, die mir
für einen Mann von der Grundfrequenz her relativ hoch vorkommt, und auch
beim Beschreiben seiner Symptome verwendet er Gesten die auf mich feminin
wirken. Von der sich spontan zwischen uns beiden einstellenden Interaktion
her bemerke ich, dass sich zwischen uns beiden eine Situation herstellte,
in der ich ihn dominierte und er sich submissiv verhielt. Die emotionale
Atmosphäre war teilweise emotional offen und dicht, teilweise spielerisch
und leicht, fast wie ein Flirt bei einem Liebespaar. Durchzogen war all dies
von einer gewissen Angst, die man bei ihm spürte – in der Übertragung einer
Angst vor dem Vater, wie sich herausstellen sollte.
Auf der körperlichen Ebene haben wir viel mit Spüren gearbeitet, allerdings
im Sitzen, nur ganz selten in konkreten Interaktionen, bei denen anfangs
rivalisierende Impulse des Patienten im Vordergrund standen, später Wünsche
nach körperlichem Halt. Z. B. wollte der Patient einmal ausprobieren, seine
Kraft an der meinen zu messen. Später wollte er versuchen, wie es sei, wenn
er seinen Kopf an meine Brust lege. Er merkte, dass ihm das gut tat, und
dass er sich aber nicht wirklich ganz lösen könne. Da war ein tiefer Widerstand,
den wir damals noch nicht verstehen konnten.
Der Patient ist ältestes Geschwister von insgesamt fünf, allesamt Brüder,
ist in einem ländlichen Bereich aufgewachsen, die Eltern scheinen insgesamt
bemüht gewesen zu sein, wenn auch nicht unbedingt pädagogisch kompetent.
Vielleicht hatten sie als Bauern auch wenig Zeit für die Kinder gehabt. Der
Patient hat viele Erinnerungen an die Kindheit, gute und schlechte, besonders
haften geblieben sind Konflikte mit dem als dominierend erlebten Vater, der
manches Mal auch handgreiflich wurde; er war – als Landwirt – offenbar so
etwas wie ein rauer Bursche. Schwer enttäuscht hatte ihn, dass die Mutter
im Falle von Konflikten, die der Patient mit seinem Vater austrug, immer
zu ihrem Mann gehalten hatte, sodass der Patient sich beiden allein gegenüber
sah. Die Konfliktspannung eskalierte so stark, dass der Patient als vorpubertäres
Kind darauf bestand, in ein Schulinternat zu gehen, um der häuslichen Atmosphäre
zumindest unter der Woche zu entkommen. Erst später merkte er, dass sich
hinter dieser Entscheidung Rachegefühle verbargen, d. h. er wollte seine
Eltern gleichsam durch sein Weggehen bestrafen. Er erinnert sich, dass er
sich im Internat oft sehr einsam und unglücklich fühlte, und die Autofahrten
– sein Vater brachte ihn ins Internat und holte ihn von dort ab – sind voll
Distanz zum Vater, es wurde die ganze Zeit geschwiegen – der Vater sagte
nichts, und er, der Patient damals in der Vorpubertät, auch nichts, was im
Nachhinein schmerzhaft in Erinnerung ist.
Zur aktuellen Lebenssituation: Sie ist gut strukturiert, es besteht Konstanz
im Beruf, er hat eine stabile Partnerbeziehung seit Jahren, hat sich im Zuge
der Therapie entschieden selbst den Sprung in die Vaterschaft zu wagen, seine
Partnerin ist nun schwanger.



